Nicht unfairer Wettbewerb, sondern abwandernde Kunden sind das Problem der Stahlindustrie

Prof. Dr. Roland Döhrn, RWI: Nicht unfairer Wettbewerb, abwandernde Kunden sind das Problem der Stahlindustrie

Der deutschen Stahlindustrie ging es im internationalen Vergleich lange gut. Die deutsche Wirtschaft produziert sehr stahlintensiv. Etwa 500kg Stahl werden im Jahr pro Kopf verwendet. In Frankreich sind es nur rund 230kg, in Großbritannien sogar nur 165kg. Der Grund ist die hierzulande hohe Bedeutung von Branchen wie der Automobilindustrie und den Maschinenbau. Diese benötigen große Mengen von Stahl, und sie waren bislang auf dem Weltmarkt sehr erfolgreich. Davon profitierte auch die Stahlwirtschaft.

Zurzeit bläst den industriellen Stahlverwendern allerdings der Wind ins Gesicht. Die Automobilindustrie produzierte derzeit rund 15% weniger als vor einem Jahr und der Maschinenbau knapp 10%. Entsprechend sinkt auch die Nachfrage nach Stahl. So wurde im vierten Quartal 2019 im Vorjahresverglich 9% weniger Walzstahl erzeugt.

Soweit es sich dabei um ein Konjunkturschwäche handelt, kann man hoffen, dass auf schlechte wieder bessere Jahre folgen. Was aber, wenn die aktuell sinkende Produktion dauerhafte Änderungen ankündigt? Dies könnte insbesondere in der Automobilindustrie der Fall sein. Zum einen dürfte die inländische Nachfrage nach Autos künftig sinken: Die Umweltpolitik verteuerte die Nutzung des Autos; moderne Kommunikationstechnologie fördern das Car-Sharing, und die Zahl potenzieller Autokäufer dürfte im Zuge des demografischen Wandels sinken. Zum anderen dürften die deutschen Hersteller ihre Fahrzeuge demnächst dichter am Kunden, also im Ausland produzieren. Eine Rolle spielen dabei zwar protektionistische Tendenzen. Doch verlieren mit dem Übergang zur E-Mobilität die in Deutschland gut funktionierenden Wertschöpfungsketten an Bedeutung. Zudem ist die Batterie teuerste Komponente eines E-Autos, und diese wird derzeit nicht in Deutschland produziert. Warum sie also zuerst aus Asien nach Deutschland bringen, um sie später als Teil des Autos zurück zu transportieren?

Für die Stahlindustrie sind das schlechte Nachrichten: Ihr wichtigster Kunde, der ein Viertel des in Deutschland verfügbaren Stahls abnimmt, könnte dauerhaft weniger produzieren und damit auch Stahl benötigen. Tritt dies ein, wird ein Kapazitätsabbau und damit auch einen Verlust an Arbeitsplätzen unvermeidlich. Solche Anpassungen könnte dadurch beschleunigt werden, dass in der Stahlerzeugung ebenfalls technische Änderungen zu erwarten sind. Sollen die CO2-Emissionen weiter reduziert werden, muss nämlich Koks als Reduktionsmittel ersetzt werden. Hierfür bieten sich Erdgas oder Wasserstoff an. Dies setzt umfangreiche Investitionen voraus. Die Frage ist allerdings, wo diese neuen Stahlwerke entstehen und für welche Kapazität sie ausgelegt sein werden.

Der „Nationale Stahlgipfel“, der nun aber auch schon mehr als ein Jahr her ist, identifizierte unfaire Handelspraktiken und die Energie- und Umweltpolitik als Hauptprobleme der Stahlindustrie. Ein viel größeres Problem könnte allerdings entstehen, wenn wichtige Kunden abwandern. Dies ist vor allem mit Blick auf die Automobilindustrie ein realistisches Szenario.

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17.02.2020

Quo vadis europäische Stahlindustrie?

Die Gespräche zwischen der schwedischen SSAB und Tata Steel Europe über eine Übernahme des Stahlwerks IJmuiden in den Niederlanden ist eines von vielen im Rahmen der weiteren Entwicklung der europäischen Stahlindustrie.

Als Beispiele dienen auch die Verhandlungen von ArcelorMittal über die Übernahme der früheren ILVA-Werke in Italien oder die geplante, von der Europäischen Kommission abgelehnte, Fusion zwischen Tata Steel Europe und Thyssenkrupp.

Bei dieser Gelegenheit stellt sich die Frage, ob es bei diesen Bemühungen um eine Konsolidierung oder, angesichts der Überkapazitäten, um eine Neuordnung innerhalb der Branche geht.

Um den Erwerb abzuschließen, war ArcelorMittal gezwungen, sich aus Wettbewerbsgründen von verschiedenen Vermögenswerten innerhalb der EU zu trennen, statt das italienische Werk in sein Portfolio zu überführen und damit die Gelegenheit zur Rationalisierung der Produktion zu haben.

Mit der Liberty Steel Group, einem relativen Neuling auf der europäischen Bühne, fand sich ein Hauptnutznießer dieser Entwicklung. Innerhalb kurzer Zeit konnte sie ihre Präsenz auf dem Kontinent mit Produktionseinheiten von Belgien bis Rumänien ausbauen und fügt sich nunmehr in die Riege der zehn führenden Stahlunternehmen der Welt ein.

Die notleidende British Steel wurde unlängst von dem chinesischen Konzern Jingye erworben. Dieser hat sich zum Ziel gesetzt, die Produktion zu steigern und damit die überschüssigen europäischen Kapazitäten zu erhöhen. Die Eigentümer an der europäischen Stahlindustrie sind heute breiter verteilt als noch vor einigen Jahren und auch ein Verkauf von Tata IJmuiden an SSAB würde lediglich die Kapazität an einen bereits bestehenden Akteur übertragen, aber nicht konsolidieren. Auch die Tata UK fährt hohe Verluste ein und sorgt damit für Missstimmung bei den indischen Eignern,

Für die niederländischen Arbeitnehmer wäre eine Übernahme durch SSAB ein Segen, sehen sie darin doch die beste Möglichkeit zum Erhalt ihrer Beschäftigung. So scheint auch die Erkenntnis, dass bei Tata UK, ILVA oder Thyssenkrupp der Staat eingreifen sollte, eine verständliche Reaktion zu sein, um nationales Gut und qualifizierte Arbeitskräfte zu erhalten.

Quelle: MEPS 

24.11.2020 06:00:00 von Hubert Hunscheidt